Die Kraft der Stille: Darum ist Ruhe so heilsam
Psychische Gesundheit

Die Kraft der Stille: Darum ist Ruhe so heilsam

Momente der Stille tun Körper und Seele gut – das zeigen zahlreiche Studien. Wer sich im trubeligen Alltag regelmäßige Ruheoasen schafft, tankt neue Energie und bleibt in stressigen Situationen gelassener.

Lärm bedeutet Stress – schuld ist der Säbelzahntiger

Straßenlärm, Elektrogeräte, Stimmengewirr: Viele Alltagsgeräusche empfinden wir als normal. Und auch wenn wir uns mancherorts an Krach gewöhnt haben, er kann uns krank machen. Das menschliche Gehör ist nicht auf eine andauernde Beschallung ausgelegt. Ganz im Gegenteil: Unsere Ohren sind ständig in Hab-Acht-Stellung, sie reagieren sensibel auf jedes Geräusch.

Für unsere Vorfahren war dies überlebenswichtig: Die Laute von Säbelzahntigern und anderen Angreifern versetzten den Körper in Alarmbereitschaft, er schüttete dadurch das Stresshormon Cortisol aus. Damals praktisch, um auf die Gefahr zu reagieren – für den modernen Menschen jedoch strapaziös. Denn durch die ständige Geräuschkulisse setzt der Körper zu viele Stresshormone frei. Dadurch ziehen sich die Blutgefäße zusammen, der Puls steigt. Die Folgen können Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein.

Verkehrslärm und Co: Ab wann wird der Geräuschpegel zum Problem?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine Belastung ab 50 Dezibel als Lärm definiert – zum Vergleich: Stresshormone schütten wir ab 60 Dezibel aus. Wann Menschen Geräusche als störend empfinden, ist aber sehr individuell. Auch nehmen wir Geräusche als weniger unangenehm wahr, wenn wir die Lärmquelle selbst gewählt haben. Kritisch wird es bei um die 80 Dezibel – ab diesem Pegel kann unser Gehör auf Dauer Schaden nehmen. Das entspricht etwa der Lärmbelastung in Autobahnnähe oder in der Einflugschneise eines Flughafens. Kurze, laute Geräusche um die 120 Dezibel stecken wir in der Regel besser weg – auch wenn sie für uns unangenehmer erscheinen. Besonders problematisch wird Lärm, wenn wir schlafen oder uns konzentrieren müssen. Beides leidet schon bei einem Wert von 25 Dezibel.

Mann sitzt an einem See

Weniger Stresshormone, mehr Produktivität: So heilsam sind Ruhepausen

Je lauter es um uns herum wird, desto mehr Stille sollten wir uns gönnen. Die gute Nachricht lautet: Sobald wir uns lärmfreie Zeit nehmen, erholen wir uns. Die Körperfunktionen normalisieren sich, wir entspannen und werden sogar schlauer – lies selbst:

  • Stille reduziert Stress: Für das Nervensystem bedeutet Lärm große Anspannung. Der Körper schüttet Stresshormone aus und versetzt uns so in ständige Alarmbereitschaft. Ruhepausen helfen dabei, den Spiegel zu senken und dich zu entspannen. So kannst du deine Batterien aufladen und reduzierst dein Risiko für stressbedingte Erkrankungen wie Herz-Kreislaufprobleme, Magengeschwüre, Burnout oder depressive Verstimmungen. Eine tolle Möglichkeit für mehr Ruhe im Alltag ist Meditation: Gehst du etwa 25 Minuten am Tag in dich, produziert dein Körper weniger Cortisol.
  • Stille macht schlau: Genauer gesagt lässt sie Nervenzellen sprießen – zumindest bei Mäusen. Zwei Stunden Stille pro Tag sorgten in einer Versuchsanordnung dafür, dass sich neue Gehirnzellen in einem Teil ihrer Großhirnrinde bildeten. Bei den Mäusen, die verschiedenen Lärmquellen ausgesetzt waren, passierte das nicht. Ob sich die Studie allerdings auf Menschen übertragen lässt, ist nicht eindeutig belegt. 
  • Stille entspannt: Das entdeckte der italienische Arzt Luciano Bernardi zufällig. Denn eigentlich untersuchte er, welche Art von Musik unserem Herz-Kreislauf-System guttut. Er spielte den Teilnehmern seiner Studie Klassik, Techno und Rock vor – unterbrochen von zweiminütigen Pausen. Die Auswertung zeigte: In den Phasen der Stille fielen Atmung, Herzschlag und Blutdruck noch unter die im Vorfeld gemessenen Werte. Die Musik dagegen ließ die Werte ansteigen. 
  • Stille macht produktiv: Im hektischen Joballtag ist es besonders wichtig, Oasen der Ruhe zu finden. Psychologen raten, einmal pro Tag eine Auszeit von E-Mails, Telefonklingeln und Smalltalk mit den Kollegen zu nehmen. Schon eine „stille Stunde“ erhöht die Produktivität – das zeigte eine Studie mit einer Gruppe von Managern an der Uni Saarbrücken. Die bewusste Auszeit erhöhte die Qualität ihrer Arbeit. Und sie empfanden sogar den Rest des Arbeitstags als zufriedenstellender. 
  • Stille erhöht kognitive Fähigkeiten: Der amerikanische Neurowissenschaftler Richard Davidson demonstrierte, dass Stille die Aufmerksamkeit schärft. Nach drei Monaten stiller Meditation erkannten seine Probanden Zahlen, die sich in einer Buchstabenreihe versteckten, wesentlich schneller als vorher. Es scheint also, dass sich durch regelmäßige Ruhepausen unsere Auffassungsgabe verbessert. Auch andere Studien bestätigen: Sind wir dauerhaft vielen verschiedenen Reizen ausgesetzt, ist unser Konzentrationsvermögen irgendwann erschöpft. 

Stille Auszeiten wirken – und sind erstmal ungewohnt

Ob Meditation, Waldspaziergang oder Noise-Cancelling-Kopfhörer – für jeden von uns funktioniert eine andere Auszeit von der täglichen Geräuschkulisse im Beruf und in der Familie. Wichtig ist nur, diese regelmäßig in den Alltag einzubauen. Auch wenn es anfangs ungewohnt ist, auf Musik, Podcast oder Gespräche zu verzichten – es lohnt, sich auf die Stille einzulassen. Eine Auszeit im Kloster oder ein Meditationswochenende kann der Einstieg in ein Leben mit mehr Ruhe sein.

Du hast das Gefühl, du leidest körperlich oder psychisch unter der ständigen Reizüberflutung? Unser Clarimedis-Ärzteteam berät dich rund um die Uhr telefonisch zu allen Gesundheitsthemen. Und bei unserem kostenfreien Programm Stress im Griff zeigen dir unsere Experten, wie du in besonders lauten Phasen zur Ruhe kommst.

Gute Gesundheit und ruhige Zeiten wünscht dir deine AOK Hessen.