Selbsthilfe: schwierige Situationen gemeinsam meistern
Selbsthilfe

Selbsthilfe: schwierige Situationen gemeinsam meistern

Ob Sucht, Behinderung oder schwere Krankheit – bei der Selbsthilfe finden Betroffene ein offenes Ohr und vor allem guten Rat für den Umgang mit persönlichen Herausforderungen. Selbsthilfe ist in Deutschland fester Bestandteil des Gesundheitswesens und in ihrem Umfang einmalig. Nirgendwo sonst wird Selbsthilfe für so viele Krankheitsbilder gefördert wie bei uns. Susanne Strombach arbeitet im Selbsthilfebüro der AOK Hessen. Im Interview erzählt sie, wie sich Menschen durch die Selbsthilfe in schwierigen Situationen gegenseitig Halt geben.

Frau Strombach, was ist eigentlich „Selbsthilfe“?

Selbsthilfe ist die Möglichkeit, sich selbst aktiv bei einem Problem zu unterstützen. Wenn Menschen zum Beispiel eine schwere Diagnose erhalten, kann sie ihr Arzt fachlich gut beraten. Doch anschließend fühlen sich viele mit ihren Sorgen, Ängsten und Unsicherheiten allein gelassen. Sie informieren sich zwar über die Krankheit, kommen aber ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr weiter. Es beginnt eine gefühlsmäßige Talfahrt. Zu der oftmals körperlichen Natur der Krankheit kommt jetzt noch die seelische Seite hinzu. Was macht die Krankheit mit mir und wie soll ich damit umgehen?

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Selbsthilfe ist der Austausch mit anderen. Betroffene finden in Gruppen zusammen und können offen über ihre Gefühle und Fragen sprechen. Patientinnen und Patienten helfen anderen Betroffenen. Sie teilen ihr Wissen und ihre persönlichen Erfahrungen. So können sie einander auch emotional Halt geben. Denn sie wissen, wie es ist, mit einer schweren Diagnose zu leben. Viele Betroffene lesen viel, machen Fortbildungen und werden über Jahre zu Experten für ihre eigene Erkrankung. Sie kennen oftmals den neusten Stand der Wissenschaft, manche Therapien haben sie selbst ausprobiert und ihre Erkrankung womöglich sogar überwunden. Dieses Wissen teilen sie mit anderen. Die Krankheit verstehen und als Mensch verstanden werden, das steht im Zentrum der Selbsthilfe.

Wie Sie gerade beschrieben haben, gehört zur „Selbsthilfe“ der intensive Austausch mit anderen. Können Sie uns einen Einblick geben, wie „Selbsthilfegruppen“ wirken?

Selbsthilfegruppen haben nur wenig mit dem Klischee von Kaffee, Keksen und Stuhlkreis gemeinsam. In meiner jahrelangen Erfahrung hat sich ein ganz anderes Bild gezeigt. Selbsthilfe gibt es in zahlreichen Varianten, jede Gruppe ist anders. Manche mieten eigene Räume an, andere treffen sich in einem Vereinsheim oder sogar in der Kneipe. Alle verbindet der Gedanke: Wenn ich gesund werden will, geht das schneller, wenn ich psychisch stark und stabil bin. Verständnis, Vertrauen und gute Stimmung sind förderlich für die Heilung. So gehen die gemeinsamen Aktivitäten deutlich über die Gesprächsgruppen hinaus.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer machen aber auch gemeinsame Ausflüge ins Grüne, sie essen und feiern zusammen. Manche besuchen auch Gesundheitsmessen, Tagungen und Seminare, die der Krankheitsbewältigung dienen. Viele Gruppen sprudeln nur so vor Kreativität. Manche entwickeln auch gemeinsam Broschüren und erstellen sogar Bücher. Die starke Gemeinschaft bringt tolle Projekte hervor! Und manche Teilnehmenden bleiben der Gruppe oft auch dann noch verbunden, wenn sie eine Krankheit erfolgreich überwunden haben.

Was ist mit den Angehörigen wie Eltern, Ehepartnern oder Freunden? Ist da Selbsthilfe auch ein Thema?

Ja, natürlich – sie sind eine ganz erhebliche Stütze für die Betroffenen. Viele opfern sich auf und laufen so Gefahr, selbst an ihre Grenzen zu stoßen. Darum ist auch für die Angehörigen ein Austausch wichtig. Wie gehen andere mit der Situation um? Wie kann ich helfen und dabei gleichzeitig auch auf mich selbst achtgeben? Die Angehörigen stellt eine Erkrankung oft vor ganz andere Herausforderungen als die Betroffenen. Besonders bei Suchterkrankungen und psychischen Leiden gibt es daher getrennte Gruppen für beide Seiten. Je besser das Verständnis von Krankheit und Situation ist, desto besser können Angehörige sich einbringen. Damit tragen sie einen wichtigen Teil zur Genesung des Betroffenen bei und stärken ganz entscheidend unser Gesundheitssystem.

Welche Formen und Möglichkeiten der Selbsthilfe gibt es überhaupt? Beeinflusst auch die Digitalisierung die Selbsthilfe?

Es gibt Gruppen, die Online-Angebote haben und sich in geschlossenen Chats unterhalten. Eine Gruppe hat sogar eine App für suchtkranke Menschen entwickelt. Insbesondere junge Menschen, die neue Gruppen gründen, sind deutlich digitaler unterwegs. Das Engagement der jüngeren Generationen ist dabei eine große Bereicherung.

Trotz der digitalen Möglichkeiten bleiben diese jedoch lediglich eine Ergänzung zum direkten Kontakt. In der Situation der Betroffenen geht es nicht selten um ergreifende Themen und emotionale Achterbahnfahrten. Da ist es etwas anderes, ob man sich nur online sieht und hört oder sich in die Arme nehmen kann. Der Kontakt zwischen uns Menschen hat eine ganz andere Qualität, weil er all unsere Sinne berührt.

Würden Sie uns einen Ausblick geben, wie Sie die Zukunft der Selbsthilfe sehen?

Eine große Veränderung beinhaltet die Information über Krankheiten. Früher war hierbei die Selbsthilfe wichtig, weil die Menschen nach Infos suchten und sich informieren wollten. Heute unterstützt die Selbsthilfe dabei, mit der Vielfalt an Infos umzugehen. Online erhalten wir schnell eine Fülle an aktuellen Informationen. Selbsthilfe kann helfen, diese zu sortieren und zu verarbeiten. Was ist wichtig, was nicht? Betroffene müssen bei ihrer Recherche nach seriösen Gesundheitsinformationen  nicht bei null anfangen. Jeder kann darauf zurückgreifen, was andere wissen und erlebt haben. Auch rund um das Leben mit der Diagnose gibt es Rat. Es geht um gelebtes Wissen – nicht nur um die Zahlen und Fakten aus der Fachliteratur, sondern um Emotionen, Ängste, Hoffnungen und Perspektiven. Genau aus diesen Gründen ist die Nachfrage im Bereich Selbsthilfe nach wie vor groß und wird es gewiss auch in Zukunft bleiben.

Jeder Mensch ist anders. Wie finde ich das passende Selbsthilfeangebot für mich?

Hilfreiche Anlaufstellen sind zum Beispiel spezialisierte Internetseiten wie ACHSE, die Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen, die nationale Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen NAKOS, sowie die BAG-Selbsthilfe, die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung, chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen e.V., und die DAG-SHG, die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. Darüber hinaus finden sich im Internet viele Selbsthilfekontaktstellen, die man einfach anrufen kann, wenn man nach einer Gruppe sucht. Und natürlich können sich Interessierte jederzeit auch direkt an das Selbsthilfebüro der AOK Hessen wenden oder in unserer Selbsthilfedatenbank nach geeigneten Angeboten suchen.

Frau Strombach, was genau bietet denn das Selbsthilfebüro der AOK Hessen?

Als wichtige lokale Anlaufstelle sind wir für Betroffene da und vermitteln Selbsthilfegruppen. Zudem informieren wir regelmäßig zu gesundheitspolitischen Themen und Veranstaltungen in unserem Newsletter „inKONTAKT“ und in unserem Magazin „Forum plus“. Auch vor Ort sind wir präsent. Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Selbsthilfe im Dialog“ bieten wir jedes Jahr an zehn verschiedenen Standorten in ganz Hessen Vorträge und Workshops an. Darüber hinaus fördern wir die Selbsthilfe auch finanziell. Allein in Hessen stellen die gesetzlichen Kassen jährlich gemeinsam rund sechs Millionen Euro zur Verfügung. Ein Teil dieser Mittel kommt individuellen Projekten zugute, ein anderer Teil ist für die Basisarbeit der Selbsthilfe gedacht.

Frau Strombach, wir danken Ihnen ganz herzlich für das tolle Gespräch.

Die AOK Hessen bietet verschiedene digitale Angebote und Selbsthilfeprogramme. Unser kostenfreies Online-Programm „moodgym“ unterstützt dich interaktiv, wenn du dich abgeschlagen fühlst und den Verdacht auf eine Depression hegst. Angehörigen von depressiven Menschen bietet der AOK Familiencoach Depression eine wertvolle Stütze. Und bei unserem kostenlosen Programm „Stress im Griff“  bist du genau richtig, wenn du Stress reduzieren und gelassener durch den Alltag gehen möchtest.

Gute Gesundheit wünscht dir deine AOK Hessen.