Unsere Ernährung im Fokus: höheres Herzinfarktrisiko durch zu viel Zucker oder Fett?
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Unsere Ernährung im Fokus: höheres Herzinfarktrisiko durch zu viel Zucker oder Fett?

Wir alle lieben sie: zuckersüße und fettige Speisen. Dass deren übermäßiger Konsum Karies, Übergewicht und Diabetes verursacht, ist bekannt. Neu ist: eine zu fettreiche und zuckerhaltige Ernährung schädigt auch das Herz. Im Interview erklärt unsere AOK-Ernährungsberaterin Ann-Kathrin Krämer, Ernährungswissenschaftlerin (B. Sc.) und Ernährungsberaterin/DGE, warum das so ist und wie du der Fett- und Zuckerfalle entgehen kannst.

AOK-erleben: Frau Krämer, was haben Zucker und Fett mit meiner Herzgesundheit zu tun?

Ann-Kathrin Krämer: Ziemlich viel. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Art meiner Ernährung und dem Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen. Ernährungsfehler können unsere Herzgesundheit in Gefahr bringen. Grundsätzlich sind Zucker und Fett lebensnotwendig für den menschlichen Organismus. Sie liefern Energie für ganz viele Vorgänge im Körper. Bei Fett und Zucker entscheidet immer die Menge über Nutzen und Schaden.

Zu viel davon ist vermutlich ungesund?

AK: Genau, denn zu viel Zucker und Fett machen dick! Mit zunehmendem Gewicht steigt auch das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Starkes Übergewicht führt langfristig zu Bluthochdruck und Stoffwechselstörungen wie Insulinresistenz und damit zu Diabetes mellitus Typ 2. Beides sind Risikofaktoren für einen Herzinfarkt.

Insulinresistenz, was ist das?

AK: Wenn wir Zucker aufnehmen, schüttet unsere Bauchspeicheldrüse das lebenswichtige Hormon Insulin aus. Insulin befördert den Zucker vom Blut in die Zellen, wo er quasi als Treibstoff für unseren Verbrennungsmotor benötigt wird. Nicht genutzter Zucker wird direkt in Fett umgewandelt und in der Leber, der Muskulatur oder im Fettgewebe gespeichert. Bei starkem Übergewicht kann sich das Gewebe allerdings so verändern, dass Insulin nicht mehr richtig wirkt. Die Körperzellen reagieren nicht mehr auf das Insulin, sie werden resistent. Der Blutzuckerspiegel sinkt nicht mehr ausreichend. Jetzt produziert die Bauchspeicheldrüse noch mehr Insulin, um gegenzusteuern.

Gilt das nur bei starkem Übergewicht?

AK: Nein, auch normalgewichtige Menschen mit Typ-2-Diabetes sind keinesfalls selten. Auch wenn die Körperstatur schlank ist, kann sich eine „übergewichtige Stoffwechsellage“ entwickeln. Bei sehr zuckerhaltiger Ernährungsweise steigt unser Blutzuckerspiegel immer wieder stark an, die Insulinausschüttung läuft permanent auf Hochtouren. Hohe Insulinspiegel steigern das Hungergefühl und wir essen öfter und mehr, als wir sollten. Außerdem hemmt Insulin die Fettverbrennung. Wenn wir uns nicht ausreichend bewegen, schwellen die Fettdepots immer weiter an. Im gesamten Bauchraum lagert sich Fett ein, welches die Organe umschließt. Dieses Bauchfett, auch viszerales Fett genannt, gilt als besonders schädlich, weil es zu Bluthochdruck führen kann.

Heißt das, dass alle Naschkatzen irgendwann Typ-2-Diabetes bekommen?

AK: Nein, so dramatisch ist es nicht. Jugendliche in Deutschland bekommen selten Typ-2-Diabetes. Sie sind aber durch Übergewicht und Bewegungsmangel immer mehr gefährdet. Vor allem Couch-Potatoes, die sich hauptsächlich von zuckersüßen und fettreichen Speisen ernähren, haben das höchste Risiko, ein metabolisches Syndrom, auch „tödliches Quartett“ genannt, zu entwickeln.

„Tödliches Quartett“, das klingt beängstigend. Was genau ist ein metabolisches Syndrom?

AK: Gemeint ist das gemeinsame Auftreten mehrerer Symptome bzw. Krankheitsbilder: Dazu gehören Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte und eine gestörte Zuckerverwertung im Körper. Diese erhöhen das Risiko für Diabetes und Arteriosklerose (Gefäßverkalkung), die Hauptursache für Herzinfarkt.

Neben Zucker sitzt bei Ernährungswissenschaftlern auch Fett auf der Anklagebank. Ist Fett wirklich so ungesund?

AK: Das kann man so pauschal nicht sagen. Fett enthält lebensnotwendige Fettsäuren, die unser Körper braucht, um beispielsweise Hormone oder Zellwände aufzubauen. Fett ermöglicht uns auch den Zugang zu fettlöslichen Vitaminen und schützt unsere Organe wie ein Polster vor Verletzungen. Auch bei Fett gilt: Zu viel davon ist schädlich. Aber auch seine Qualität ist entscheidend. Wer auf die richtigen Fette setzt, hält Herz und Gefäße jung.

Das heißt, Fett ist nicht gleich Fett?

AK: Genau, die verschiedenen Fettsäuren machen den Unterschied. Es gibt gesättigte, einfach ungesättigte und mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Gesund sind die ungesättigten. Sie stecken vor allem in pflanzlichen Fetten (etwa Olivenöl) und Fisch. Gesättigte Fettsäuren stecken in tierischen Lebensmitteln wie Butter, Schmalz, Sahne, in Käse, Wurst und Fleisch, aber auch in Schokolade und anderen Süßigkeiten.

Also eigentlich in allem, was lecker schmeckt?

AK: Ja, leider, davon essen wir meistens mehr als genug. Zu viel davon ist jedoch nicht gut für unsere Blutgefäße und erschwert unserem Herz die Arbeit. Aber Achtung: Dick machen alle Fette. Darum solltest du gesunde, pflanzliche Fette bevorzugen, aber auch sie nicht im Übermaß verwenden!

Worin besteht da ein Zusammenhang zum Herzinfarktrisiko?

AK: Bei zu hohem Fettkonsum steigen die Blutfette (Triglyceride und Cholesterin) an, der Blutfettstoffwechsel wird gestört. Gerät dieser aus dem Gleichgewicht, wird vermehrt LDL-Cholesterin im Blut transportiert. Das ist der Cholesterin-Anteil, der als hauptverantwortlich für Krankheiten wie Arterienverkalkung, Herzinfarkt und Schlaganfall gilt. Denn das Cholesterin kann sich in den Blutgefäßen ablagern und dazu führen, dass sich die Blutgefäße verschließen. Passiert das in Blutgefäßen, die Herz und Gehirn mit Sauerstoff versorgen, entwickelt sich ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall.

Muss ich auf Fett und Zucker verzichten, damit ich keinen Infarkt bekomme?

AK: Nein, unser Körper braucht sowohl Fette als auch Zucker, um zu funktionieren. Ungesund sind beide Nahrungsmittel erst, wenn wir unserem Körper sehr viel davon zuführen. Die Kombination aus beidem verursacht die meisten Probleme. Klar darfst du fett- und zuckerhaltige Lebensmittel ab und an essen, aber selten und nur kleine Portionen.

Gibt es Empfehlungen, wie viel Zucker und Fett man bedenkenlos konsumieren darf?

AK: Darüber streiten die Experten. Nur eines gilt als sicher: Weniger ist mehr! Die deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt: 60 bis 80 Gramm Fett pro Tag sind für Erwachsene je nach Gewicht und Geschlecht genug. Beim freien Zucker sollten es möglichst nicht mehr als 50 Gramm sein.

So wenig? Wie gelingt es, diese Mengen einzuhalten?

AK: Achte auf versteckte Fette und versteckten Zucker! Denn viele Lebensmittel enthalten Fette und Zucker, die auf den ersten Blick nicht erkennbar sind, zum Beispiel Fleisch, Wurst, Käse und Milcherzeugnisse, Gebäck, Süßwaren, Fast Food und Fertigprodukte. Gerade Fertigprodukten wird oft viel Zucker zugesetzt, daher lohnt sich immer ein Blick auf die Zutatenliste! Zucker versteckt sich hinter Begriffen, die auf „-ose“ enden: Fruktose, Glukose, Dextrose, Laktose, Saccharose, Raffinose usw.

Was wäre denn die richtige Ernährung, um einem Infarkt vorzubeugen?

AK: Eine herzgesunde Ernährung klappt am besten mit einer fettarmen, ballaststoffreichen und vitaminreichen Kost. Gesund ist ein hoher Anteil an pflanzlicher Nahrung wie Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte und Salat, Olivenöl statt Butter, Sahne und anderen tierischen Fetten, eher Fisch als Fleisch. Entscheidend ist, sich nicht einseitig, sondern ausgewogen zu ernähren. Du solltest die richtige Balance finden zwischen zuckersüßen und fettreichen Speisen wie Torten, Hamburger oder Pommes und fettarmen Lebensmitteln wie zum Beispiel Naturjoghurt, Obst, Gemüse und Getreideprodukten. Dann machst du automatisch alles richtig.

Da gibt es ganz schön viel zu beachten. Was mache ich, wenn ich das alleine nicht hinbekomme?

AK: Die AOK Hessen bietet zahlreiche Präventionskurse an, um Interessierte zu unterstützen. Ob in Kursen oder Gruppenberatungen, unsere Experten stehen dir jederzeit zur Verfügung, wenn es um Fragen der richtigen Ernährung geht. Egal ob du nur vorbeugen möchtest oder wegen einer bestehenden Krankheit auf deine Ernährung achten musst. Du erfährst, wie du ungünstige Ernährungsgewohnheiten endgültig ablegen kannst, um dauerhaft gesünder zu essen – fettarm, ausgewogen und lecker. Brauchst du eine individuelle Ernährungsberatung, kannst du diese auch bei der AOK Hessen beantragen. Wir helfen dir bei der Suche nach anerkannten Ernährungsfachkräften und vermitteln an unsere externen Ernährungsberater.

Vielen Dank für das nette Gespräch, Frau Krämer!