Wochenbettdepression: Mutterglück in der Warteschleife
Selbsthilfe

Wochenbettdepression: Mutterglück in der Warteschleife

Die Geburt eines Kindes ist gleichbedeutend mit reinem Glück – so zumindest die gängige Meinung. Doch nicht jede frischgebackene Mama empfindet dies so. Manche Mütter stürzen in eine tiefe Lebenskrise und entwickeln nach der Geburt eine sogenannte Wochenbettdepression. Das erwartete Mutterglück will sich dann einfach nicht einstellen. Typisch sind eher Selbstzweifel und Schuldgefühle. Schnelle Hilfe kann diese emotionale Schieflage der Mutter wieder stabilisieren, damit sie eine innige Bindung zum Kind aufbauen kann.

Die Wochenbettdepression ist eine Störung, die bei Müttern innerhalb von 24 Monaten nach einer Geburt auftreten kann. Die „postpartale Depression“ (PPD), so der medizinische Fachausdruck, beginnt in 70 Prozent der Fälle innerhalb der ersten vier Wochen nach der Entbindung. Bei einigen Frauen tritt die Erkrankung erst nach Monaten auf. Sie haben es anfangs genossen, sich um ihr Baby zu kümmern, werden jedoch nach und nach immer depressiver. Es gibt Hinweise darauf, dass auch Männer betroffen sind: Rund 4 Prozent entwickeln nach der Geburt ihres Kindes ähnlich depressive Verstimmungen.

Babyblues oder Wochenbettdepression, was ist der Unterschied?

Eine Wochenbettdepression beginnt oft schleichend und ist anfänglich schwer abzugrenzen vom sogenannten Babyblues. Etwa 50 bis 70 Prozent aller Wöchnerinnen durchleben die Babyblues-Phase, die mit leichten depressiven Verstimmungen und Gefühlsachterbahn einhergeht. Weil die Mamas während dieser Zeit nah am Wasser gebaut sind, nennt man diese Phase auch „Heultage“. Die Babyblues-Stimmung erreicht ihren Höhepunkt drei bis fünf Tage nach der Entbindung und klingt etwa bis zum zehnten Tag spontan wieder ab. Der Babyblues ist keine psychische Störung, sondern eine Reaktion auf die hormonelle Umstellung des Körpers. Sobald sich der Hormonspiegel normalisiert hat, geht es den Müttern wieder besser.

Bei einer Wochenbettdepression ist das anders. Wenn andere Frauen ihre emotionale Ausnahmesituation überstanden haben und ihr Mutterglück genießen, wird eine Mutter, die an PPD leidet, zunehmend ängstlich und depressiv.

Wochenbettdepression: Wenn das Mutterglück sich einfach nicht einstellen will

Eine betroffene Mama beschreibt ihre Gefühle so: „Alle Welt erwartet von dir, dass du als frisch entbundene Mutter automatisch glücklich bist. Leidest du an einer Wochenbettdepression, spürst du vom verheißungsvollen Mutterglück erst mal gar nichts. Im Gegenteil. Muttersein ist für dich mehr Last als Lust. Statt vor Glück und Energie zu strotzen, fühlst du dich niedergeschlagen, antriebslos und hast kein Interesse an irgendwas. Dein Appetit ist verschwindend gering, deine Schlafstörungen sind dafür umso größer. Irgendwie wird dir alles zu viel. Du stehst vor einem riesigen Berg aus Verantwortung und Mutterpflichten. Du fühlst dich alleingelassen und denkst, dass du alles nicht schaffen kannst. Irgendwann zweifelst du an dir selbst und hast Angst, als Mutter zu versagen.“

Symptome: die häufigsten Anzeichen einer Wochenbettdepression

Die Beschwerden einer Wochenbettdepression bauen sich schleichend über Wochen und Monate auf. Die betroffenen Mütter durchleben nicht alle Symptome gleichzeitig. Oft treten zunächst unauffällige Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafstörungen oder übermäßige Reizbarkeit nur vereinzelt auf. Einige Frauen klagen über Herzbeschwerden, Rückenschmerzen oder Panikattacken, die keine körperliche Ursache aufweisen. Im weiteren Verlauf entstehen Schuldgefühle, Ängste und ein Gefühl innerer Leere. Viele Betroffene vernachlässigen sich in dieser Zeit oft selbst und begegnen auch ihrem Kind mit Desinteresse. Sie versorgen ihr Baby zwar richtig, aber ohne emotionalen Bezug, eher mechanisch wie bei einer Puppe. Andere wiederum sind sehr in Sorge um ihr Baby und brauchen permanent die Bestätigung durch Ärzte, dass ihr Kind gesund ist. In Ausnahmefällen können auch Tötungsgedanken auftreten, gegenüber sich selbst oder gegenüber dem Kind.

Ursachen: Hormonchaos allein macht noch keine Depression

Die genauen Ursachen einer Wochenbettdepression sind bisher unklar. Es gibt nicht nur eine Ursache, das Zusammenspiel mehrerer Faktoren ist häufig ausschlaggebend. Mediziner vermuten, dass vor allem der rasante Abfall an Schwangerschaftshormonen nach der Entbindung eine Rolle spielt. Dieses Hormonchaos löst bei Dreiviertel der Frauen den Babyblues aus. Um vom Babyblues in eine Depression zu rutschen, müssen aber noch andere Faktoren hinzukommen.

Zu den bekannten Risikofaktoren zählen:

  • vorhergehende depressive Episoden oder Angststörungen
  • psychische Erkrankungen innerhalb der Familie
  • Lebenskrise, belastende Situationen: partnerschaftliche Probleme, Krankheit, finanzielle Sorgen
  • traumatisches Geburtserlebnis
  • Schilddrüsenstörungen oder Eisenmangel

Wochenbettdepression: Das bekommt dein Baby mit

Viele Mütter sprechen aus Scham nicht über ihre Probleme oder meinen, damit allein zurechtkommen zu müssen. Aber man sollte nicht zu lange damit warten, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn das Stimmungstief anhält und sich die Elternfreuden nicht einstellen wollen. Bei Verdacht auf eine Wochenbettdepression ist rasche Hilfe ratsam. Denn es besteht die Möglichkeit, dass sich die Mutter-Kind-Bindung nicht richtig entwickeln kann. Kinder sind bereits in den ersten Lebensmonaten äußerst sensibel. Sie bemerken eine gewisse Zurückhaltung und benötigen Körperkontakt und Ansprache. Viele Kinder reagieren mit Schlaf- und Stillproblemen, weinen oder schreien häufig und vermeiden selbst den Blickkontakt zur Mutter. Dies wiederum kann bei der Mutter Schuld- und Schamgefühle auslösen und ihre Depression verstärken.

Therapie: abhängig von den Symptomen

Die Therapie einer Wochenbettdepression gehört in die Hände eines Facharztes für Psychiatrie/Psychotherapie. Auch ein Gespräch mit deinem Gynäkologen ist hilfreich, er kann dich dann an einen Facharzt überweisen. Dieser wird für eine Diagnose zunächst andere Erkrankungen ausschließen. Mithilfe eines speziellen Fragebogens (Edinburgh Postnatal Depression Scale, EPDS) sucht er gezielt nach Symptomen einer postpartalen Depression. Die Therapie richtet sich danach, wie schwer deine Symptome sind und ob du vorher schon einmal eine depressive Episode hattest. Bei leichten oder mittleren Beschwerden liegt der Fokus auf der Psychotherapie. Bei starken Symptomen empfehlen Ärzte eine Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Behandlung. Wenn du dein Baby stillst, solltest du mit Medikamenten vorsichtig sein. Manche Wirkstoffe gehen in die Muttermilch über. Die Einnahme von Medikamenten (auch die nicht verschreibungspflichtiger Präparate) während der Schwangerschaft und Stillzeit solltest du immer vorab mit deinem Arzt besprechen.

Kann ich einer Wochenbettdepression vorbeugen?

Ob man einer Wochenbettdepression wirklich vorbeugen kann, ist ungewiss. Falls du schon einmal eine psychische Erkrankung hattest oder noch daran leidest, ist es ratsam, schon vor der Geburt Kontakt zu deinem Therapeuten aufzunehmen. Eine gute Unterstützung während und nach der Schwangerschaft kann zumindest das Risiko verringern. Eine Hebamme [https://aok-erleben.de/deine-hebamme-dank-rufbereitschaft-immer-fuer-dich-da/], dein Partner oder deine Familie können dich im privaten Umfeld entlasten. Wenn diese aus beruflichen oder privaten Gründen nicht zur Verfügung stehen, wende dich bei Bedarf an die sozialpädagogische Familienhilfe. Außerdem kannst du bei deiner AOK eine Haushaltshilfe beantragen, die dich im Notfall unterstützt. Laut einer Studie der Universität Melbourne verringern Mutter-Kind-Gymnastik und Informationskurse in den ersten drei Monaten nach der Geburt das Risiko einer Erkrankung um 50 Prozent.

Hilfreiche Informationen und Anlaufstellen

Die Wochenbettdepression wird oft als Tabuthema behandelt und ist für viele betroffene Mütter schambesetzt. Dabei ist es völlig normal, dass es dauern kann, bis zwischen Mutter und Kind eine innige Bindung entsteht – auch ohne dass eine Wochenbettdepression vorliegt. Wichtig ist, dass du dir bei Verdacht auf eine Wochenbettdepression rechtzeitig Hilfe holst.

Hier kannst du spezielle Informationen und Unterstützung bekommen:

Gute Gesundheit und ganz viel Mutterglück wünscht dir deine AOK.

Weitere Newsletter Themen: